 | Die Mathildenhöhe war Anfang des 20. Jahrhunderts Schauplatz mehrerer international beachteter Ausstellungen, in deren Mittelpunkt Architektur und Kunstgewerbe standen. Dabei entstand im Laufe von etwa 15 Jahren ein künstlerisch gestaltetes Viertel mit Wohnhäusern, Ateliers, einem Ausstellungsgebäude und Gartenanlagen mit Figurenschmuck. Eine solch konzentrierte Manifestation moderner Baukunst des frühen 20. Jahrhunderts war und ist in Europa einzigartig. Trotz gravierender Verluste durch Kriegszerstörung und späteren Veränderungen ist die kunstgeschichtliche Bedeutung dieses Reformprojektes noch heute klar erkennbar. So reihen sich am Alexandraweg mehrere Villen, die ehemals von Mitgliedern und Freunden der Künstlerkolonie bewohnt wurden. 1901 waren sie die Attraktion der legendären Bau-Ausstellung „Ein Dokument deutscher Kunst“. Bis auf das hoheitsvolle Behrens-Haus, mit dem Peter Behrens seine Laufbahn als Architekt begründete, sind all diese Bauten nach Plänen Olbrichs errichtet worden. Noch heute fasziniert ihr revolutionärer Schwung, die spielerische Leichtigkeit der abwechslungsreichen Fassaden. Leider hat sich von ursprünglichen, bis ins kleinste Detail durchgestalteten Jugendstil-Interieurs – außer wenigen Rudimenten – nichts erhalten. Lediglich die rekonstruierte Halle im „Großen Glückert-Haus“ (heute Sitz der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung) vermag den Eindruck von den formal kühnen, farbenfrohen Innenräumen der Mathildenhöhe zu vermitteln.
Durch sorgfältige Restaurierung konnten in den vergangenen Jahren immerhin einzelne Bauten wie zum Beispiel das Haus Deiters (heute Hauptsitz des Deutschen Poleninstituts) äußerlich wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt werden. Dies gilt auch für das ehemalige geistige und künstlerische Zentrum der Künstlerkolonie, das „Ernst-Ludwig-Haus“. Dieses tempelartige Ateliergebäude mit seinem langen Treppen-aufgang demonstriert sinnfällig, wie die künstlerische Arbeit in der Künstlerkolonie eingeschätzt wurde: als gottesdienstähnliches Ritual weniger Auserwählter. Wie Imaginationen des um 1900 immer wieder beschworenen „neuen Menschen“ wirken die monumentalen Skulpturen von Ludwig Habich, die das prächtige Portal flankieren. Seit 1990 ist in diesem Schlüsselwerk der Jugendstil-Architektur das „Museum Künstlerkolonie Darmstadt“ eingerichtet. Die aus Architekturmodellen, zahlreichen kunstgewerblichen Gegenständen, Gemälden, Plastiken und Gebrauchsgrafik bestehende Sammlung dokumentiert anschaulich den Darmstädter Beitrag zur Stilkunstbewegung um 1900. |